Zeitlos, wie die Blumen selbst

Kultur

Mein letztes Blumenfoto habe ich vor wenigen Tagen gemacht, die letzte Blumenzeichnung ist ein paar Monate alt. Mehr als 300 Jahre alt sind die Bilder der Künstlerin und Naturwissenschaftlerin MARIA SIBYLLA MERIAN und sie haben bis heute nichts von ihrer Aktualität und Schönheit eingebüßt.

Blumenbilder und Blumendarstellungen sind sicherlich so alt wie die Menschheit selbst. Doch zweifellos eine Hochphase für florale Bildnisse war die Neuzeit. Maria Sibylla Merian erfuhr zu ihren Lebzeiten (1647–1717) sogar eine spezielle Ausbildung als Blumenmalerin. In der Tradition der Florilegienmalerei des 17. Jahrhunderts lernte sie in der Werkstatt ihres Stiefvaters, des Malers Jacob Marrel, der auch als Kunsthändler tätig war. Das Umfeld, in dem Merian in ihrer Jugend lebte, brachte ihr die bildende Kunst, den Kunsthandel und das Publikationswesen nahe und durch die Blumenmalerei zugleich die aufmerksame Naturbeobachtung. Sie wurde so zu einer der anerkanntesten Naturforscherinnen und Künstlerinnen ihrer Zeit.

Es ist nur zu erahnen, welch mutige und zugleich kreative, künstlerisch begabte Frau Maria Sibylla war. 1665 heiratete Merian Johann Andreas Graff. Auch er hatte bei ihrem Stiefvater Marrel gelernt. Zusammen zogen sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter von Frankfurt in die Heimatstadt von Graff, nach Nürnberg. Während Merians Mann sich auf die Darstellung von topografischen Ansichten, Bauwerken und Landkarten spezialisiert hatte, verkaufte Marian weiterhin Blumenmalereien und gab nebenher Unterricht im Sticken und Zeichnen von Blumen. Auch fing sie an mit Zeichenutensilien und Farben zu handeln. Zu dieser Zeit veröffentlichte sie ihre ersten Themenbücher. Ein sehr bedeutendes Werk sollte ihre naturwissenschaftliche Studie zur Metamorphose von Raupen werden. 1679 erschien der erste Band von „Der Raupen wunderbare Verwandelung, und wundersame Blumennahrung“. Mit dieser Veröffentlichung betrat Maria Sibylla Merian wissenschaftliches Neuland, denn bis dato gab es keine derart umfangreiche, sorgfältig dokumentierte und vollständige Beschreibung der Metamorphosen der Raupen unter Berücksichtigung des symbiotischen Zusammenhangs von Nahrungspflanzen und Insekten. Das Raupenbuch machte Merian bekannt und war zugleich ein wirtschaftlicher Erfolg. Doch wie so oft im Leben, erfuhr auch Merian wechselvolle Zeiten. Den Tod ihres Schwiegervaters, Umzug zurück nach Nürnberg, Eintritt in die radikale Religionsgemeinschaft der Labadisten, Scheidung von ihrem Mann, Umzug mit ihrer Tochter nach Amsterdam, abenteuerliche Forschungsreisen in ferne Länder... Kaum vorzustellen, wie sich dieses Leben ganz konkret vor 300 Jahren abgespielt hat. Doch so zeitlos wie die Blumenmalerei so zeitlos sind auch die Geschichten, die das Leben schreibt.

Buschrose (links) und Pechnelke (rechts) von Maria Sibylla Merian (1647–1717), Fotos: Städel Museum
Links: Barbara Regina Dietzsch (vor 1706–1783), Blühender Granatenbaumzweig, Foto: © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Volker-H. Schneider. Rechts: Georg Flegel (1566–1638) Zwei Tulpen, ca. 1620-1630, Foto: © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders
Das Städel Museum Frankfurt präsentiert bis zum 14. Januar 2018 unter dem Titel „Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes“ das Lebenswerk der gebürtigen Frankfurterin Merian.

Die in Zusammenarbeit mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und der Technischen Universität Berlin entwickelte Ausstellung zeigt zudem Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger von Blumendarstellungen, darunter Werke, wie der berühmte Hortus Eystettensis des Nürnberger Apothekers Basilius Besler (1561–1629), Ornamentstiche von Martin Schongauer (ca. 1445–1491), Apothekerbücher aus dem 15. und 16. Jahrhundert, Pflanzenstudien aus dem Umkreis von Albrecht Dürer sowie Naturstudien von Georg Flegel (1566–1638) und Georg Hoefnagel (1542–1600/01) aus der Zeit um 1600. Darüber hinaus sind unter anderem Blumenzeichnungen von Bartholomäus Braun sowie Blumenkompositionen von Barbara Regina Dietzsch (1706–1783) und ihrem Umkreis aus dem 18. Jahrhundert zu sehen. Weitere Informationen findest Du hier...
Ausstellungsansicht „Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes“ Foto: Städel Museum